Hügelgräber und Menhire

Wald

Wussten Sie, dass die steinzeitlichen Schnurkeramiker und Glockenbecherleute reichlich Spuren in unserer Sportarena, dem Wald um die Lichtwiese, hinterlassen haben? Ihre charakteristischen Bestattungsformen in Form von sogenannten Hügelgräbern sind in großer Anzahl bei uns nachzuweisen.

Hügelgräber

Unsere Fußballkicker brauchen ständig neue Stadien, um WM-tauglich zu sein. Die Bodybuilder bauen neue und teure Studios. Unser LAUF-TREFF-Stadion um die Lichtwiese herum jedoch verjüngt sich jedes Frühjahr neu und ist doch so alt, ja richtig antik. Wer aufmerksam durch unsere Wälder joggt oder besser noch walkt besser, weil man beim langsameren Walken mehr der Umgebung Aufmerksamkeit schenken kann, wird neben den herrlichen Baumbeständen auch unzählige Zeugnisse früherer menschlicher Kulturen entdecken. Wussten Sie, dass die steinzeitlichen Schnurkeramiker und Glockenbecherleute reichlich Spuren in unserer Sportarena, dem Wald um die Lichtwiese, hinterlassen haben? Ihre charakteristischen Bestattungsformen in Form von sogenannten Hügelgräbern sind in großer Anzahl bei uns nachzuweisen. Angelegt wurden sie in der späten Jungsteinzeit, etwa um 1500 v. Chr. bis teilweise in das Mittelalter hinein. Die regelmäßigen runden Hügel erreichen einen Durchmesser von bis zu 20 Metern und eine Höhe bis zu 3 Metern. Meist liegen sie in Gruppen zusammen oder bilden ganze Gräberfel-der. In der Regel wurden sie für einen Verstorbenen errichtet, doch ist bekannt, dass durch Nachbestattungen ein Hügel zu einem Friedhof für ganze Sippen ausgeweitet wurde. Der älteste Darmstädter wurde aus einem solchen Grab 1926 mit seinen Grabbeigaben ins Hessische Landesmuseum überführt: Ein in Hockstellung beigesetzter junger Mann von schlanker Gestalt, dem eine vierfüßige Schale als Wegzehrung, eine Frauenfigur als kultisches Symbol sowie Pfeil und Bogen auf dem Weg ins Jenseits mitgegeben wurde. Solche Grabbeigaben wie Tongefäße, Teile der Bekleidung oder Waffen, waren leider immer beliebtes Ziel von Grabräubern. Später, im 18. und 19. Jahrhundert, wurden die Grabhügel oft auch Opfer von pseudo-wissenschaftlichen Untersuchungen. So erfassten nam-hafte Landgrafen und Großherzöge aus unserer Gegend in der Zeit der aufkommenden Romantik das geschichtliche Interesse an der Prähistorie, denn sie fanden Spuren der ältesten Menschheitsgeschichte unmittelbar vor ihrer eigenen Haustür. Sie wiesen ihre Förster an, auffällige Bodenerhebungen zu melden. So entstand ein archäologischer Atlas, der auch heute noch ein unentbehrlicher Führer für die Spuren der Vergangenheit ist. Leider wurden die anschließenden Grabungen meist unwissenschaftlich vorgenommen, wobei unbeabsichtigt viele Zeugnisse unwiederbringlich zerstört wurden. Entlang uralter Verkehrswege zieht sich ein Gürtel von Grabhügeln, denn Tote wurde dort bestattet, wo sie auch lebten. Bekannt ist das Wegenetz von Worms aus der Rheinebene kommend, nördlich an Eberstadt vorbei und vor Traisa nach Nordosten ziehend Richtung Dieburg. Etwa an der heutigen Bahnbrücke verzweigte sich der Weg nach Norden in Richtung Messel und Bayerseich. Der alte Weinweg und die neuere Lochschneise, die zur Brücke über die Eisenbahn führt, sind uralte Wege unserer Vorfahren. An ihrer Seite ziehen sich die Spuren dieser Nekropolen entlang. Zwei gut erhaltene Grabhügel liegen an der Lochschneise etwa 200 Meter von der Brücke entfernt. Aber auch am Dachsberg und an der Backofenschneise lassen sich Spuren finden. Eine überraschend große Anzahl befindet sich östlich Kranichsteins und westlich von Messel. Meiner 7km Walkinggruppe durfte ich diese Grabhügel an der Lochschneise zeigen und dort entstanden auch die Photos. Die Frankfurter werden stolz auf ihr neues und teures Fußballstadion sein. Ich ziehe es vor, mich in unseren antiken Fluren bewegen zu dürfen. Halten Sie ihre Augen offen, es lohnt sich.

Menhire

In den letzten Jahren habe ich wiederholt versucht unseren Sportplatz, nämlich die Wälder um die Lichtwiese herum, zu beschreiben. So berichtete ich unter anderem über die Namen der Wege, die Brunnen, die Waldtempel und die Bäume. Dabei stieß ich immer in die vergangenen Jahrhunderte vor und wunderte mich über die Geschichtsträchtigkeit unseres Territoriums. Während alle Sportstadien dieser Welt immer wieder renoviert werden müssen, stelle ich mit Freude fest, hier im Lauf-Treff-Gebiet immer mehr in die Vergangenheit vorstoßen zu können. Wussten Sie, dass wir an uralten Hinkelsteinen, an echten Menhiren vorbeilaufen? Meine Walkinggruppe freut sich jedes Jahr auf die Anderthalbstundenläufe und bittet mich, die Menhire zu besuchen. Der Ausdruck Hinkelstein könnte eine Vereinfachung von Hü(h)nensteinen sein, denn nur kräftigste Männer, Hünen, konnten solche Steine bewegen. Wo befindet sich diese Anlage? Die Menhiranlage am südlichen Rand der Scheftheimer Wiesen war bis 1966 praktisch verschollen, obwohl bereits um 1951 herum ein Bauer dort einen großen Stein in einen Bombentrichter warf. Erst als 1965 ein Bauer aus Roßdorf beim maschinellen Abmähen der Hirtenwiesen auf einen größeren Stein stieß und beim Versuch, ihn zu bergen der Traktor dramatisch in Schwierigkeiten geriet, wurde ein Mitglied der Arbeitsgruppe Vor- und Frühgeschichte auf die Wichtigkeit des Fundes aufmerksam. Steine solcher Art konnten schwerlich in diese Landschaft gehören. In der Folgezeit wurde die Fundstelle untersucht, was zur Auf-deckung von 11 weiteren Menhirsteinen führte. Die Anlage erreicht man vom Waldparkplatz des Bessunger Forsthau-ses aus. Man gehe oder laufe auf der Bernhardsackerschneise etwa 900 Meter nordwärts, dort biegt man ostwärts in den Heuweg. Nach gut 100 Meter verlässt man den Wald und nach weiteren 400 Metern erkennt man rechts die aufrechtstehenden Steine, die unmittelbar am Ruthsenbach stehen. Aus alten Karten ist ersichtlich, der Ruthsenbach lief früher in der Mitte der Hegwiesen und wurde später umgeleitet. Ursprünglich lag die Anlage wohl im trockenen Wiesenbereich. Die Erschaffer dieser Anlage hätten sich mit dem Transport auf dem Aufbau einer solchen Anlage im feuchten Gelände sehr schwer getan. Alte Dokumente weisen hier auf eine »heylige wieße« hin. Doch das Konzil von Nantes hat 658 angewiesen, solche Steine als Teufelswerk zu bezeichnen. In der Regel wurden dann solche Anlagen wenig schonungsvoll behandelt. Woher kam das Material? Wissen-schaftliche Untersuchungen kamen zum Schluß, dass die Fundstücke längerer Verwitterung ausgesetzt waren. Ein natürlicher Transport durch Gletscher in der Eiszeit wird ausgeschlossen. Die Fundstücke stammen mit Sicherheit auch nicht aus dem nahegelegenen Hasenböhl, da das dort anstehende Ge-stein mit den damals zur Verfügung stehenden Werkzeugen nicht zu bearbeiten war. Vermutet wird der Ursprungsort des Materials in dem 1,5 km entfernten Rabennest, das sich direkt am höchsten Punkt des Stellwegs befindet und un-zählige Grabhügel der Hallstattzeit aufweist. In der Frage nach der zeitlichen Ein-ordnung der Menhiranlage herrscht große Verlegenheit bei den Wissen-schaftlern. Man glaubt aber die Errich-tung solcher Steine in das Endneolithi-kum, der Endsteinzeit, datieren zu können (etwa 2000 bis 1500 v.Chr.). Andere Theorien gehen von wesentlich jüngerem Ursprung aus, etwa bronzezeitlich. Die Hallstattkultur datiert man in das 8. bis 5. Jahrhundert. Die Heimat-forschung hat in der näheren Umgebung vielfältige Funde, Siedlungsreste und Grabstätten der Hallsteinzeit nachgewiesen. Die Vermutung liegt habe, die Anlage in diese Zeit zu datieren und sie diente vermutlich Grabzwecken. Dies kann aber zur Zeit noch nicht bestätigt werden.

Ich danke dem Forstdirektor Herrn Dr. Arnulf Rosenstock und Herrn Dr. Immo Grimm für die freundliche Unterstützung.
04.05.2005 Bernd Engelhard

Letzte Änderung: 2007-04-17 (Mathias Halbach)