Es wird Frühjahr, die Laufsaison beginnt

Jogging

Die Tage werden länger, das Wetter ist schön. Heute früh hab ich schon ein paar Vögel zwitschern gehört. Da könnte ich doch heut mal wieder zum Lauftreff gehen. Ach, heut ist schlecht, heut abend kommt die Gabi vorbei, das ist dann so hektisch. Vielleicht Donnerstag? Oh je, da will ich mit Freunden ins Kino, klappt auch nicht. Also gehe ich Samstag.

Am Samstagnachmittag, während ich so zum Parkdeck rüberschlendere überlege ich, mit welcher Gruppe ich heute laufen könnte. Bin seit Dezember, nein, eigentlich Oktober letzten Jahres nicht mehr gelaufen. Es heißt ja immer, in der Ruhe liegt die Kraft. Ich fühle mich auch topfit, so mit neuem Laufshirt und neuen Laufschuhen. Ich habe zwar die ganze Zeit die sportlichen Aktivitäten ziehmlich vernachlässigt, aber das soll nichts heißen. Ich bin jedenfalls voll motiviert. Zuletzt bin ich so 8 oder 9 km gelaufen, so genau kann ich mich gar nicht erinnern. Am besten frage ich mal die, die damals mit mir gelaufen sind, was die so machen. Also der Karl-Heinz läuft die 9, die Yvonne die 9,5 km. Hey, komm doch bei uns mit, das schaffst du mit links, sagen sie beide übereinstimmend. Das klingt überzeugend. Ist ja auch schönes Wetter! Es ist wärmer geworden, was für ein Gerücht, das man da langsamer tun soll. Die Ansage beginnt bereits und ich weiß immer noch nicht, mit welcher Gruppe ich laufen soll. Ich höre die 10,5 läuft mit...., die 10 läuft mit ..., die 9,5 läuft mit ... und schon hat mich die Yvonne geschubst und ich laufe die 9,5. So schnell geht das mit manchen Entscheidungen. Ich bin richtig stolz, mich gut eingeordnet zu haben, wir erzählen von früher, es ist einfach ein klasse Gefühl mal wieder zu laufen.

So nach ca. 200 Metern denke ich, der Typ da vorn hat sich irgendwie mit dem Tempo vertan. Der sieht auch schon so martialisch aus. Das ist ja sauschnell! Und dann läuft er auch noch gleich am Anfang einen Berg hoch. Zum Glück erzählt mir Yvonne eifrig und merkt hoffentlich nicht, wie ich schon schnaufe. Hätte in der letzten Zeit nicht so viel Schokolädchen essen sollen, das macht träge. Ich hab´ heut auch nicht so viel getrunken, na ja, ein paar Tassen Kaffee, das hat noch keinem geschadet. Oh-la-la, da will der jetzt hoch? Beim bloßen Anblick des nächsten Berges werden mir schon die Knie weich. Ist das Tempo gut, fragt der freundlich-beorgte Typ auch noch, als wir mit affenartiger Geschwindigkeit den Berg hochdonnern. Sieht der denn nicht, das ich aus dem letzten Loch pfeife? Die Sprache versagt- ich muß ja schließlich atmen aber dennoch nicke ich zustimmend. Das war eindeutig ein Fehler. Jetzt ziehen die richtig an und mit atemberaubender Geschwindigkeit geht es weiter. Spaziergänger grüssen mich, aber ich nehme gar nicht mehr wahr, daß es die Nachbarn sind. Sie haben es mir später mit vorwurfsvollen Unterton erzählt. Und ich hätte auch so einen roten Kopf gehabt. Ja, ja, Sport ist Mord, das hat schon Churchill gesagt und der muß es ja wissen.

Ich glaube, eben fange ich an zu hecheln, die anderen gucken schon. Ob man meine Zunge schon um den Hals wickeln könnte? Und diese Seitenstiche, ich glaube, gleich wird mir schlecht. Ich muß was falsches gegessen haben, oder die Hose ist zu eng? Außerdem läuft mir der Schweiß in Strömen. Das muß an den neuen Laufklamotten liegen. Quatsch, es ist einfach zu schnell, wie im Wettkampf oder noch schneller. Komisch, daß die Mitläufer sich alle prächtig unterhalten, denen scheint es gar nicht zu schnell zu sein. Da kommt mir der rettende Gedanke: Ich sollte mal meine Schuhe binden, da könnte ich Zeit gewinnen und verschnaufen. Die hol´ ich schon wieder ein, oder? Um ehrlich zu sein, keine Chance! Aber das war mir irgendwie schon nach den ersten Metern dieses Laufs klargewesen. Der betreuende Typ da vorn guckt schon wieder. Eigentlich ist er ja ganz nett. Christian heißt er.

Während ich also zurückbleibe, so langsam zu mir komme und über die Ungerechtigkeit dieser Welt lamentiere denn schließlich waren in der Gruppe, die ich nicht geschafft habe , ältere und noch schlimmer, eindeutig korpulentere Läufer höre ich, wie Christian mir zuruft, ob ich nicht bei der gerade vorbeikommenden langsameren Gruppe mitlaufen möchte. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln und reihe mich bei der 7,5 ein. Natürlich tue ich so, als wäre ich schon immer hier mitgelaufen. Das Tempo scheint mir völlig ausreichen. Ich nehme auch plötzlich meine Umgebung wieder besser war, wie schön grün hier alles ist. Eine Mitläuferin erzählt mir, daß sie den ganzen Winter nicht gelaufen ist und sich deshalb lieber etwas weiter unten eingeordnet hat. Ich gebe ihr da vollkommen recht. Es gibt sie immer wieder, die Läufer, die sich nach längeren Pausen überschätzen und die ganze Gruppe muß dann deswegen langsam machen. Und dann müssen sich die zu Hause erst mal auf die Couch legen, so kaputt sind die dann. Sie spricht mir aus der Sehle. Und überhaupt, was für einen Unterschied macht es schon, in welcher Gruppe man läuft. Hauptsache man ist in der frischen Luft, bewegt sich und hat Spaß dabei.

Anmerkung der Redaktion: Die Charaktere und Situationen sind frei erfunden und stehen in keinerlei Zusammenhang mit tatsächlichen Ereignissen und Geschehennissen. Zur Einordnung nach längeren Pausen lesen Sie bitte die Lichtwiese oder fragen Sie Ihren Gruppenleiter.

12.06.06

Letzte Änderung: 2007-04-17 (Mathias Halbach)